Ministerium für Mitgefühl

Die Stadt und das Mitgefühl ist der Titel dieser Reihe, die in vier Beiträgen das Mitgefühl im Hinblick auf Stadt und Stadterleben befragt. Das Ministerium für Mitgefühl – ein Kollektiv von Autorinnen und Künstlerinnen, das empathisch Widerstand leistet: gegen die Verrohung der Sprache und soziale Kälte – spricht  mit Menschen in Kiew, Moskau, London und Berlin - kurzum - jenseits des Tellerrands –, befragt sie nach ihrem Erleben und macht ihre Stimmen lesbar. Es entstehen chorische, mehrstimmige Stadtportraits aus den Gegenwarten der jeweiligen Stadt und spiegeln nach Berlin zurück, was hier kaum Erwähnung findet. Die eigene Stadt gewinnt in der Distanz an Dimension, der Referenzrahmen wird weiter. Die Reihe erscheint im Rahmen von institutions extended.

Mitgefühl in Kiew

30.03.2021
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©JJ

Die Stadt und das Mitgefühl ist der Titel dieser Reihe, die in vier Beiträgen das Mitgefühl im Hinblick auf Stadt und Stadterleben befragt. Das Ministerium für Mitgefühl – ein Kollektiv von Autorinnen und Künstlerinnen, das empathisch Widerstand leistet: gegen die Verrohung der Sprache und soziale Kälte – spricht  mit Menschen in Kiew, Moskau, London und Berlin - kurzum - jenseits des Tellerrands –, befragt sie nach ihrem Erleben und macht ihre Stimmen lesbar. Es entstehen chorische, mehrstimmige Stadtportraits aus den Gegenwarten der jeweiligen Stadt und spiegeln nach Berlin zurück, was hier kaum Erwähnung findet. Die eigene Stadt gewinnt in der Distanz an Dimension, der Referenzrahmen wird weiter. Die Reihe erscheint im Rahmen von institutions extended.

„Ist Mitgefühl immer eine Lösung?“ werden wir oft genug gefragt. Den Fokus auf Mitgefühl zu legen, heißt die Peripherie und das Abseitige in den Mittelpunkt zu rücken. Von Berlin aus betrachtet ist das zweitausend Kilometer entfernte Kiew Peripherie – andersherum ebenso. Für die Reihe hat das „Ministerium für Mitgefühl“ ein Experiment gewagt und dem Reflex sowie der Vorgabe widerstanden vordergründig lokal zu denken. Während „Mitte“ zweifelsohne einen gefühlten Mittelpunkt markiert, um den herum sich unsere Menschen, Themen und Prioritäten anordnen, ist Kultur für „Ministerinnen“ nicht ausnahmslos, aber oft woanders. Denn wie unsere Mittelpunkte, sind auch unsere Identitäten fluid und nicht statisch. Kultur meint somit zugleich unsere Entscheidung darüber, was meine gefühlte oder geographische Mitte ist und was zu meiner Peripherie wird. Wie und vor allem von wo aus ich auf die Welt, die mich umgibt, blicke.
Hier antworten Menschen, die heute in Kiew leben und arbeiten, auf unsere Fragen zu ihrem Mitgefühl. Durch das Eintauchen in die Erfahrungsräume ferner und fremder Menschen gewinnen die eigenen Dimensionen und Maßstäbe an Kontur, können befragt oder gar neu justiert werden. Anonym und überpersönlich entsteht eine Chronik des Mitgefühls – heute aus Kiew für Berlin.

Gibt es für dich einen Unterschied zwischen Mitleid und Mitgefühl?

Anna:
Mitleid hat ein Urteil in sich, hat eine Ausweglosigkeit und auch Traurigkeit über die Endgültigkeit von etwas. Mitgefühl ist komplizierter, fordernder würde ich sagen, fast schon eine Chance, es hat etwas Erhebendes. Ich wohne in einem Haus am Stadtrand und in unserer Strasse sind zwei Brüder, 14 und 16 Jahre alt in einem Nachbarshaus einquartiert worden. Die Gemeinde hat es ihnen zur Verfügung gestellt, weil sie zu alt für das Waisenhaus sind. Sie haben keine Eltern und keine Angehörigen. Sie sind auf sich gestellt, und um Klartext zu sprechen – sie werden keine Arbeit in der Stadt finden. Sie sind also komplett ohne Arbeit, ohne Menschen, die für sie da sind.
Ich habe zwei kleine Kinder und ich habe hier gemischte Gefühle. Einerseits ist es Mitleid, denn sie haben es bestimmt nicht leicht gehabt und ich kann mir es nicht mal annährend vorstellen, auch was sie im Leben hier erwartet. Ich kann nichts dafür, dass das Schicksal es so mit den beiden meint und meine Möglichkeiten etwas an ihrer Lage zu verändern sind sehr beschränkt. Entscheidend ist jedoch immer die Haltung, wenn sie uns nach Geld fragen. Und mein Mann sagt nie nein. Aber er fragt sie immer, wenn er Hilfe braucht auf dem Feld – da gibt es immer mehr zu tun, als ein Mann Hände und der Tag Stunden hat. Oder wenn was verladen oder abgeladen werden soll ebenso, das können sie gut und sie fühlen sich gebraucht und nicht durch das Geld erniedrigt. Dafür bezahlen wir sie… außerdem stelle ich immer übrig gebliebenes Essen für sie raus. Hier ist es, wie wahrscheinlich in jeder größeren Stadt – es gibt immer mehr Menschen, die Mülltonnen nach Essbarem durchsuchen. Oder wie ist es in Berlin?


Bedeutet Mitgefühl zu anderen die Fähigkeit zum Mitgefühl zu sich?


Alexander:
Sehe ich nicht so… der Mensch, der viel mit sich selbst mitfühlt, der wird es nie zu etwas bringen… der hat ständig Ausreden, warum etwas nicht geht… er sieht die Chancen nicht…

Julia:
Ja und nein…. Mitgefühl zu sich selbst steht sogar manchmal im Weg, das kann ich mir nicht leisten. Also buchstäblich. Meine Familie, mein Sohn seine Frau und mein Enkel sind in den besetzten Gebieten geblieben. Ich bin vor sechs Jahren alleine nach Kiew gezogen, als der Krieg begann. Wobei … ich bin mit meinen treuen Kunden mitgezogen. Viele sind aus Donezk nach Kiew umgesiedelt. Mein Sohn kann dort nicht arbeiten, nicht für seine Familie sorgen… also sorge ich von hier aus für den Unterhalt einer dreiköpfigen Familie, die sind mein Ein und Alles. Ich lebe für sie und es ist nicht leicht, sie so selten zu sehen. Du siehst, wie ich arbeite – schau dir meine Hände an…. Ich freue mich, dass ich geschätzt werde und dass ich so gefragt bin. Aber nach der überstandenen Coronaerkrankung schaffe ich es nicht mehr acht Stunden am Stück zu massieren. Massagen von morgens bis abends, die Kunden kennen mich und schätzen mich, aber ich kann ihnen nicht sagen, dass ich das nicht mehr kann. Wenn ich massiere, spüre ich die Müdigkeit nicht, ich mag meine Arbeit sehr. Aber abends, wenn ich zu Hause bin merke ich, dass es zu viel war, alles dreht sich, mir wird schwindelig und die Hände summen. Die Arbeit macht mich kaputt, aber ich darf kein Mitgefühl mit mir haben.

Wer hat dir das Mitfühlen beigebracht? Kann man es lernen oder ist es eine Gabe?


Marina:
Meine Mama. Wenn wir zusammen beten, dann höre ich ja, dass sie mit so vielen Menschen mitfühlt! Sie hat ganze Listen für Menschen, für die sie betet: Freunde, Familie, Arbeitskollegen, ihre Schüler – meine Mutter ist Lehrerin. Ich glaube ich habe es von ihr gelernt. In der Schule jedenfalls nicht.

Oleg:
Ich habe als Kind Hunger erlebt und jetzt mit 81 Jahren fange ich an, Tauben zu füttern! Im Winter in der Stadt ist es für die Vögel nicht leicht. Meine Frau schimpft mit mir, weil sie Krankheiten übertragen, aber was soll ich machen? Sie haben Hunger…

Wem gegenüber ist Kiew als Stadt unerbittlich oder gefühllos?


Julia:
Ich weiß nicht, ob ich das richtig verstehe… die Stadt besteht ja aus ihren Menschen… und du meinst die Infrastruktur, Stadtbild, Aufzüge und Rolltreppen für Menschen in Rollstühlen und Kinderwägen. Das ist eine westliche Frage – denn das haben wir hier alles nicht. Und dass wir es nicht haben, das fällt uns erst auf, wenn wir in Berlin oder in Madrid oder in London unterwegs sind.
Ich bin mitten im Krieg nach Kiew gezogen, als die ersten russischen Kämpfer zu sehen waren und die ukrainische Armee sich in Stellung brachte. Mit mir ist gefühlt die halbe Stadt umgezogen, einfach alles stehen und liegen gelassen und weg. Also mit diesen Menschen fühle ich mich hier weder neu noch fremd noch irgendwie schutzlos. Aber ich bin ein erwachsener Mensch und kann arbeiten, meine Freunde und Kunden sind es auch. Du verstehst, dass man nicht von dieser positiven Erfahrung auf alle anderen schließen kann. Zu all den anderen, Mittellosen, Kranken, Alten oder Kleinen ist nicht nur die Stadt, das Leben ist unerbittlich.

Wann hat sich jemand für dich eingesetzt? Was hast du dabei erlebt? Und wann hast du jemanden verteidigt?

Julia:
Mein Arbeitgeber, der mir in Kiew die Wohnung bezahlt hat, ist letztes Jahr überraschend verstorben, und ich stand komplett alleine und ohne Rücklagen, ohne Absicherung, ohne nichts da… ich habe nicht nach Hilfe gerufen, die Lage war aber sehr, sehr ernst und diese paar Familien, die ich regelmäßig massiere und seit Jahrzehnten kenne, sie haben mir Geld geschickt und ich konnte ein neues Zimmer finden, viel günstiger und nicht so zentral, aber egal. Es waren fünf Familien, die ohne dass ich darum bat, es verstanden haben. Es war nicht viel Geld, aber in dem Augenblick war es meine Lebensrettung! Die einen haben mir Möbel gegeben, die anderen Matratze und Bettwäsche … und meine Freundin hat die Kaution für mich bezahlt. Sie haben mich nicht untergehen lassen. Ich hätte es alleine einfach nicht geschafft.
Früher konnte ich mehr anderen helfen, heute habe ich weniger Möglichkeiten… ich war sicher, da ist jemand, der mich im Falle der Fälle stützt und da ist es leicht für andere einzustehen, weil man selbst nicht mit dem Rücken zur Wand steht.

Alexandr:
Ständig! Wir waren vor drei Tagen im Wald spazieren und waren Zeugen einer Schlägerei… ich kann da nicht zuschauen. Meine Frau hat mich versucht festzuhalten, aber ich bin dazwischen gegangen. Ich bin ja nicht nur Wasserfilterinstallateur, sondern auch Marinesoldat.

Olesja:
Ich fuhr in der Straßenbahn und beobachte, wie ein Mann bei seinem Sitznachbar, der Zeitung las, die Jackentasche durchwühlte. Und ich sitze da und verstehe, dass ich handeln muss und bin wie gelähmt. Und der Dieb schaut mir noch frech in die Augen! Als ich aussteigen will, tippe ich den Mann an und sage „Schauen Sie nach Ihren Sachen!“ Da ist er aufgeschreckt, hat nach seiner Tasche gegriffen und die beiden hatten eine Auseinandersetzung. Ich bin raus, habe gezittert vor Angst. Es war schon spät und dunkel und ich alleine. Wenn der Taschendieb mit ausgestiegen wäre?

Kannst du für dich einen Unterschied festlegen zwischen Solidarität und Mitgefühl?


Julia:
Solidarität habe ich beim Sport gelernt, das ist so was wie eine Übereinkunft über ein gemeinsames Ziel, also ein Ziel, das wir nur als Team, als Gemeinschaft erreichen können. Die Wettkämpfe, die Trainings gemeinsam mit dem Team. Mitgefühl für die, die auf deiner Höhe sind, die dir in nichts nachstehen, ist einfacher. Schwieriger ist es, wenn wir im Gegenüber einen Anderen erkennen, meinen, dass er nicht so ist wie wir. Ich kenne Menschen gut, da ich viel mit Menschen arbeite und einige sind da minderbemittelt. Das hört sich hart an, aber sie können nicht in der Tiefe empfinden, alles wird über Pragmatismus geregelt, da ist auch irgendwie keine Kommunikation, kein gegenseitiges Verstehen möglich.
Innerhalb der Familie ist es auch leicht, solidarisch zu sein. Meine Mutter war vier, als sie beide Eltern verlor. Es gab in der Ukraine viele Kinder, die von jetzt auf gleich keine Eltern mehr hatten. Die 18-jährige Schwester war an der Front und sie durfte die Geschwister nicht behalten, meine Mutter und ihre drei Brüder, fünf, sechs, sieben Jahre alt, sind nach Ekaterinenburg evakuiert worden, ins Waisenhaus. Sie ist in ein Heim für Mädchen gekommen und die Jungs in das für Jungs. Fünf Kilometer voneinander entfernt, und die Brüder sind immer wieder abgehauen, um die Schwester zu besuchen und ihr mal ein Stück Zucker, mal einen Apfel zu bringen. Das sind ihre Erinnerungen und diese Solidarität hat sie erfahren können. Das ist undenkbar ohne Mitgefühl, denn die Brüder fühlten, dass ihre Schwester ganz alleine ist und es schwerer hat.


Wie ist deine erste Erinnerung an Gewalt? Fügst du sie jemandem zu? Wird sie dir zugefügt? Wie ist diese Situation, wie endet diese?


Julia:
Kindergarten … ich wollte da nie hin… lieber mit Mama auf der Arbeit einfach nur still da sitzen, auch ohne Essen. Ich hatte Angst vor einem Kind, vor einem Jungen. Heute weiß ich nur, dass er rothaarig war und in der Mittagsruhe hat er mich immer geärgert, mir seinen nackten Po gezeigt. Wir mussten ja alle mucksmäuschenstill sein. Alle schlafen ein, die Erzieherinnen gehen herum und kontrollieren, ob alle auf der richtigen Seite liegen. Ich konnte mich ja nicht wegdrehen, weil wir alle auf der rechten Seite einschlafen mussten, Handflächen aufeinander und unter der Backe. Im Kindergarten gab es eine richtige und eine falsche Seite, verrückt, obwohl physiologisch ist es richtig, weil links das Herz ist und man sollte sich nicht darauf legen. Aber wie man das als Kind wahrnimmt? Als Gewalt wird es wahrgenommen!


Olesja:
Ich weiß nicht, warum die einen sich für das Gute in sich entscheiden und die anderen nicht … das ist und bleibt ein Rätsel. Ich erinnere mich mit sieben Jahren, da hat meine Mutter noch gelebt, aber ich wusste schon, dass sie Krebs hat und bald sterben würde und ich wusste nicht, wozu wir da sind. Wozu leben wir? Wozu bin ich da? Und ich habe sie gefragt, ob es einen Gott gibt und sie verneinte, da sie Angst hatte, ich würde herumerzählen, dass es Gott gibt und dass es die Familie in ein schlechtes Licht stellen würde. Also ich hatte von Kind auf diese Fragen, diese Sehnsucht… durch ihren Tod sicher auch verstärkt. Ihr war das Ansehen der Familie wichtiger, als mich zu trösten oder vielleicht hat sie es wirklich so empfunden? Meine Schwester hat den Tod unserer Mutter ganz anders verarbeitet.


Alexandr:
Ich bin geschlagen worden als Kind. Ich hatte eine Oma, die mit 16 Jahren an die Front musste, also keine Kindheit und auch keine normale Jugend hatte. Sie ist nicht durch Eltern erzogen worden, sondern durch den Krieg. Sie war Krankenschwester und hat Tote und Verletzte eingesammelt und die Überreste beerdigt, wenn es möglich war, Gewalt und Tod waren alltäglich. Sie selbst wurde drei Mal verwundet. Meine Mutter wurde schon von ihr geschlagen und ich dann in Folge dessen auch, wir haben ja immer zusammen gewohnt. Selbst als sie alt und gebrechlich war und wir den Krankenwagen rufen mussten, hat sie für die Notfallmediziner vorzutäuschen versucht, dass es ihr gut geht und sie keine Schmerzen hat. Sie hatte einen eisernen Charakter, sagte immer alles gerade raus ins Gesicht, wie sie es vom Krieg gewohnt war, keine Diplomatie, kein Abmildern von Sprache. Wie ist es, von so einer Oma erzogen zu werden? Also, sie hat im Umgang mit sich und den Menschen irgendwie kein Mitgefühl entwickeln können. Ich bin mit einem Gummischlauch geprügelt worden, das hat sehr weh getan und die Spuren blieben lange, für alles mögliche, für schlechte Noten, schlechtes Benehmen, dass ich zu spät kam, dass ich etwas nicht essen wollte. Und als der Augenblick kam, ich war 12 oder vielleicht 14, als meine Oma ausgeholt hat, habe ich ihre Hand festgehalten und gesagt, dass es vorbei ist, wenn sie noch mal ausholt, schlage ich zurück. Da sagte sie nur… oh, Alexandr ist erwachsen geworden.

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