Anna-Lena Wenzel

Dr. Anna-Lena Wenzel* ist Autorin und Künstlerin. Nach ihrem Studium der Angewandten Kulturwissenschaften in Lüneburg promovierte sie über „Grenzüberschreitungen in der Gegenwartskunst“. Sie betreibt das Online-Magazin 99 % Urban und den Radiosalon für Alltägliches und ist in unterschiedlichen kollektiven Zusammenhängen unterwegs.

„Im besten Fall sind wir ein Verstärker für Themen und kritische Stimmen“ – die Zeitschrift ARCH+

06.04.2021
Vorlesen
ARCH+ Redakteur und Herausgeber Anh-Linh Ngo im Zoomgespräch

Seit 1968 gibt es die Zeitschrift ARCH+, die sich selbst die „führende diskursive Zeitschrift für Architektur und Urbanismus“ nennt. In Stuttgart an der Universität gegründet, gab es bald einen Standort in Berlin, wo die Zeitschrift heute ihren Sitz hat und wo sie als Akteurin in der ganzen Stadt aktiv ist. Im Interview berichtet der Herausgeber, Geschäftsführer und leitende Redakteur Anh-Linh Ngo über die neuen Büroräume, aktuelle Projekte und die sich verändernden Herausforderungen beim Magazinmachen.

Anna-Lena Wenzel: Sie waren einige Jahre in der Auguststraße bei den KW, mussten dort aber wieder wegziehen. Heute befindet sich das Büro der ARCH+ in einem Neubau in der Friedrichstr. 23a in unmittelbarer Nachbarschaft des ehemaligen Geländes des Blumengroßmarktes, das die Akademie des jüdischen Museums und zwei weitere Baugruppenprojekte beherbergt. Was ist das Besondere an diesem Bau?

Anh-Linh Ngo: Die Grundstücke rund um den ehemaligen Blumengroßmarkt gehören zu den ersten in Berlin, die von der öffentlichen Hand nach einem Konzeptverfahren vergeben wurden, das heißt, dass der Zuschlag nach der Qualität des Konzepts und nicht, wie bis dahin üblich, nach Höchstpreis erfolgte. Wir sind Teil einer Gewerbebaugruppe, zu der viele kleine Gewerbetreibende gehören, die immer größere Schwierigkeiten haben, passende Räume in Mitte zu finden. Und die zweite Besonderheit ist: Zum ersten Mal ist es in einem städtebaulichen Verfahren erlaubt, unter bestimmten Voraussetzungen Arbeiten und Wohnen auf gleicher Fläche zu kombinieren. Hier sollte exemplarisch gezeigt werden, wie die funktionale Trennung der modernen Stadt, die sich tief in die rechtlichen Strukturen eingeschrieben haben, aufgehoben werden kann! Dazu haben wir mit dem Architekten Arno Löbbecke für die eigene Fläche ein flexibles Raumkonzept entwickelt, das es ermöglicht, den Übergang zwischen Wohn- und Arbeitsräumen fließend zu gestalten. Die Flexibilität wird z.B. gewährleistet, indem wir einen zentralen Raum in der Mitte vorgesehen haben, der keine spezifische Funktion hat, sondern mehrfach codiert ist: Hier befinden sich die Bibliothek und die Küche, hier begegnen sich täglich alle. Wir können ihn mit den angrenzenden Räumen zusammenschalten, um einen Ort für kleinere Veranstaltungen oder Workshops zu schaffen. Vor Corona haben wir ein bis zwei Mal im Monat Salons mit Autor*innen und Architekt*innen durchgeführt. Das ist ein intimeres Format als die Vortragsreihe, die wir auch veranstalten. Wir wollten einen Ort zum Nachdenken und Diskutieren anbieten. Das hat hier sehr gut funktioniert.

Blick auf den neuen Sitz von ARCH+ im Gewerbebaugruppenprojekt fotografiert aus dem Besselpark, Foto: Jan Bitter

Um seine Privaträume zu öffnen und durchlässig zu machen, gehört nicht nur Flexibilität, sondern auch Großzügigkeit dazu …

Ja, man muss das schon bewusst wollen. Wir haben Vorkehrungen im Raumsystem getroffen, die eine Separierung der Privatbereiche von dem Arbeitsbereich ermöglichen. Mit einem Handgriff wird das Bett weggeklappt und das Zimmer zu einem Leseraum. Die Flexibilität besteht darin, dass die Räume für verschiedene Funktionen geeignet sind. Vom Zuschnitt, der Möblierung und natürlich auch von der Atmosphäre her. Wir haben bewusst keine klassischen Büroräume entworfen, sondern eher den Zwittercharakter betont, was auch inhaltlich mit dem zu tun hat, was wir als Zeitschrift vertreten und bearbeiten. Schließlich haben wir seit langem über die Probleme diskutiert, die die funktionale Trennung der Stadt mit sich bringt. Für mich als nachfolgende Generation im Projekt ARCH+, die sich 67/68 gründete, war dieser Schritt folgerichtig, denn eine der zentralen Aussagen dieser Generation war: das Private ist politisch. Politisch ist zudem das Thema Flächeneffizienz: Wie können wir intelligentere Systeme erfinden, ohne mehr Platz zu verbrauchen und den Flächenfraß langfristig zu reduzieren?

Sie sind seit 2005 Teil der ARCH+. Was hat sich seitdem verändert?

Vor allem hat sich die Zeitschrift erweitert – personell und strukturell. Als ich vor über 15 angefangen habe, waren wir noch zu viert in einer Doppelstruktur in Berlin und Aachen. Im Rahmen des Magazinprojekts der documenta 12 im Jahr 2007, dessen Teil wir waren, haben wir über unsere Rolle nachgedacht. Welche Funktion hat eine Publikation wie die ARCH+ heute? Eine der wesentlichen Erkenntnisse war, dass wir kein normales Magazin sind, das mit der Aktualität des Internets konkurrieren kann. Wir haben stattdessen den Kern der Zeitschrift gestärkt, so dass die einzelnen Ausgaben fast wie Standardwerke zu bestimmten Themen funktionieren. Die Hefte sind das Ergebnis langfristiger Projekte und Prozesse, wobei wir ganz bewusst mit Partnerinstitutionen zusammenarbeiten, um verschiedene Wissensbereiche und Perspektiven zu erschließen und im Wechselspiel mit anderen Wissen produzieren. Es gibt bei jedem Heft mindestens ein bis zwei Jahre Vorlaufzeit.

Um das an den letzten beiden Heften „Berlin Theorie“ und „Berlin Praxis“ zu verdeutlichen: Die Idee war, zusammen mit dem Neuen Berlin Kunstverein eine Ausstellung und eine Debattenreihe zum Thema „1989–2019: Politik des Raums im Neuen Berlin“ zu realisieren. Wir begannen also 2018 damit, Konzepte für Förderanträge zu erarbeiten und ein Programm zusammenzustellen. Wir beziehen bei unserer Arbeit bewusst Kunst und andere Disziplinen ein, um den Architektur- und Stadtdiskurs auszuweiten und andere Zugänge zu ermöglichen. So haben wir in der Ausstellung junge Kollektive wie die Guerilla Architects eingebunden, die einen eher performativen Stadtdiskurs führen. Parallel dazu haben wir ein öffentliches Diskursprogramm durchgeführt. Die Erkenntnisse beider Formate sind dann in die Ausgaben eingeflossen.

In meinem ersten Porträt der Serie, in der ich das Missy Magazine vorstellte, ging es viel um die prekären Arbeitsstrukturen eines unabhängigen Printmagazins. Auf Ihrer Webseite heißt es, dass Abonnements und Heftverkäufe nicht ausreichen, um das anspruchsvolle Programm zu finanzieren – weswegen Sie zu Spenden aufrufen. Wie finanzieren Sie sich noch?

Weil wir projektbezogen und nicht kommerziell arbeiten, können wir uns für öffentliche Förderungen bewerben. Wir haben mit einer gGmbH und einem Verein Strukturen geschaffen, die es uns ermöglichen, gemeinnützig zu agieren und unsere Projekte zu realisieren. Die Mitarbeitenden werden dann teilweise über die Projekte bezahlt und erarbeiten darüber Beiträge für die Zeitschrift. Darüber hinaus (und auch weil die Förderungen nie 100 % die Kosten abdecken) bemühen wir uns um weitere Förderungen, um Sponsoringmittel, wie etwa für die Ausstattung unserer Räume, und Anzeigen aus der Privatwirtschaft, wobei letzteres schwierig ist bei den Themen, die wir bearbeiten.

Da muss ich an ihr flexibles Raumkonzept denken, über das wir am Anfang gesprochen haben, weil es ja auch ein gutes Bild ist, um die flexible Struktur der ARCH+ zu verdeutlichen.

Genau. Das ist eine sehr bewegliche Struktur. Es geht immer um Konstellationen und die Frage: Wo machen wir uns autonom, um unabhängig zu bleiben, und wo öffnen wir uns, um Verbündete zu finden und wo greifen wir aktiv ein? Politisch wirksam kann ich nur in Zusammenhängen und Netzwerken werden.

Wie viele Mitarbeitende haben Sie?

Wir haben ein Team, das bis zu zehn Mitarbeiter*innen umfasst, die teilweise angestellt, teilweise frei und über die Projekte finanziert sind. Der Bedarf nach einem Ort, der inhaltlichen Auseinandersetzung und Vernetzung sowie einer recherchebasierten Praxis ist so groß, dass wir darüber hinaus seit 2015 in Kooperation mit der Sto-Stiftung ein Stipendienprogramm aufgelegt haben, um pro Jahr bis zu acht Studierenden oder jungen Absolvent*innen ein sechsmonatiges Stipendium anzubieten, damit diese sich in die Themen einarbeiten können, die wir verhandeln und uns so bei der Recherche unterstützen. Das Stipendium entspricht je nach Qualifikation der Höhe einer üblichen Aufwandsentschädigung für ein Pflichtpraktikum in einem Architekturbüro. Unser zentrales Anliegen ist es, dass die junge Generation ihr Tun reflektiert und im Rahmen von Forschungsprojekten erfährt, was es heute heißen kann, zu „praktizieren“. Unser erweitertes Verständnis von architektonischer Praxis umfasst mehr als einfach Häuser für Bauherren zu planen. Der Anspruch muss sein, dass Planende sich als Teil der Gesellschaft verstehen und entsprechend agieren.

Blick in den zentralen Raum des Arch+Büros, das zugleich die Wohnung von Anh-Linh Ngo uns seinem Partner beherbergt, Foto: Ana Santi

Wie würden Sie sagen, hat sich das Arbeitsprofil des Magazinmachers in den letzten Jahren Zeit verändert?

Als ich anfing, saßen wir buchstäblich im Keller und haben alle drei, vier Monate ein Heft herausgegeben und dann wurde es gelesen oder nicht gelesen. Das war mir tatsächlich zu wenig. Mein Impuls war, zu überlegen, wie wir zu einem aktiven Teil des Diskurses werden können, auch um verschiedenen Akteur*innen aus der Stadt eine Stimme und eine Plattform zu geben. Im besten Fall gelingt es uns, wie ein Megaphon zu wirken, das heißt als Verstärker für Themen und kritische Stimmen. Das können wir nur machen, wenn wir öffentlich werden und selbst als Akteur in Erscheinung treten. Aus diesem Grund haben wir die ARCH+ features eingeführt, machen Ausstellungen und haben zuletzt kleine Formate wie die Salons veranstaltet.

Wenn ich mir überlege, was das für Sie bedeutet, komme ich auf: Akquise betreiben und Förderungen auf den Weg bringen, Kooperationen anschieben und pflegen, Textproduktion und Redaktionsarbeit übernehmen, Veranstaltungen organisieren und hosten und die Mitarbeitenden koordinieren und versorgen. Zudem muss man, wenn man als Sprachrohr für junge und kritische Stimmen fungieren will, viel unterwegs und offen für Neues sein … das ist ja eine Mammutaufgabe! Wie schaffen Sie das?

Es ist tatsächlich so, dass wir als unabhängiges Medium nicht nur ein starkes Profil, sondern auch ein Gespür für die Zeit und ihre Entwicklungen haben müssen, um die Vielfalt abzubilden. Dabei gehört Offenheit ebenso dazu wie ein kuratorischer und editorischer Blick. Die knappen zeitlichen und finanziellen Ressourcen zwingen uns dazu, nur das zu machen, woran wir glauben – das hat Vor- und Nachteile.

ARCH+ ist die letzte große, unabhängige Architekturzeitschrift Deutschlands, die im eigenen Verlag erscheint und nicht zu einer Verlagsgruppe gehört.

Die ARCH+-Ausgaben von Heft 1(1968) bis Heft 80 (1985) im Überblick

2020 ist die ARCH+ von der Akademie der Künste mit dem Kunstpreis in der Sparte Baukunst, der mit 5000 € dotiert ist, ausgezeichnet worden. Was bedeutet Ihnen diese Auszeichnung?

Die Auszeichnung hat uns ideell in dem bestärkt, was wir machen und wie wir Praxis begreifen. Bisher wurde dieser Preis üblicherweise an Architekturbüros vergeben, das heißt, es gab ein eher klassisches Praxisverständnis. Mit der Preisvergabe an ARCH+ wurde zum ersten Mal Praxis in einem erweiterten Sinne anerkannt. Der Preis hatte so gesehen über uns hinaus eine wichtige Signalwirkung für alle, die eine andere Form der Praxis für sich suchen.

Welche Projekte verfolgen Sie aktuell?

Zentrales Vorhaben, an dem wir derzeit arbeiten, ist das Ausstellungs- und Diskursprojekt „Cohabitation“, das wir in Kooperation mit Marion von Osten, die leider letztes Jahr verstorben ist, und Peter Spillmann konzipiert haben. Teil des kuratorischen Teams sind außerdem meine Kolleg*innen Alexandra Nehmer und Christian Hiller. Am 2. Juni wird die Ausstellung hoffentlich im Silent Green eröffnet!

Wir wollen den Stadtdiskurs vor dem Hintergrund der Nachhaltigkeitsdebatte ganz grundsätzlich angehen. Die moderne Vorstellung, dass die Stadt nur für den Menschen als sauberen, hygienischen Ort existiert, war schon immer eine Illusion. Durch die Monokultur im Umland hat die Artenvielfalt in der Stadt in letzter Zeit weiter zugenommen. Berlin gehört zu den artenreichsten Städten in Europa! Wir haben uns gefragt, was das bedeutet. Unsere These lautet, dass wir die großen Probleme, vor denen die Stadtgesellschaft steht, nur überwinden können, wenn wir die anthropozentrische Perspektive verschieben, die diese Probleme erst geschaffen hat. Und ein Zugang dazu bietet die Wahrnehmung und Anerkennung anderer Lebewesen und Spezies als gleichwertige Stadtakteure, statt diese als Störfaktoren zu betrachten. Wir wollen die Perspektive umkehren: Indem wir die Planung aus dem rein ökonomischen Verwertungsinteresse des Menschen herausholen und andere als Akteure akzeptieren, können wir Stadt als Ort des Zusammenlebens neu denken. 

Das Projekt ist eine Art Manifest für Solidarität von unterschiedlichen Spezies im Stadtraum. Es geht uns um einen Ausblick im Sinne einer neuen Gesellschaftsordnung, da wir dabei sehr schnell mit Fragen der Repräsentation zu tun haben und der Diskurs damit politisch wird. Im Verhältnis zu anderen Spezies, die nicht für sich sprechen können, lassen sich Themen wie Solidarität und Recht auf Stadt, aber auch Rassismus und Ausgrenzung diskutieren. Da geht es um grundsätzliche gesellschaftliche Debatten, für die Künstler*innengruppen wie Club Real fantastische Vorarbeit geleistet haben, indem sie eine Organismendemokratie proklamiert haben. Das Wissen werden wir wieder in Form einer ARCH+ Ausgabe im Frühjahr 2022 zusammenfassen.

Wenn man sich die wechselnden Titel der ARCH+ anschaut, wie Studienhefte für architekturbezogene Umweltforschung und -planung oder Zeitschrift für Architekten, Stadtplaner, Sozialarbeiter und kommunalpolitische Gruppen, scheint mir, als wenn da schon all die Themen drinstecken, die Sie jetzt angesprochen haben.

Ja, es gibt durchgehende thematische Stränge. Dazu gehören Beiträge zum Flächenabriss im Kreuzberg der 1970er Jahre oder die Neuformierung der Stadt-von-unten-Bewegung. Wenn man so will, ging es bei all den Debatten stets darum, eine Selbstaufklärung zu betreiben. Was zudem über alle Wechsel trägt, ist ein emanzipatives Bestreben. Die Emanzipation als Ideal in allen Bereichen. So ist im städtischen Kontext die Ausweitung der Akteurskonstellation als eine emanzipative Bewegung der Stadtgesellschaft zu verstehen und die Ausweitung des Praxisbegriffs dient dazu, die Architekt*innen aus der Expert*innenrolle zu befreien, damit sie sich als Teil gesellschaftlicher Prozesse verstehen.

Architektur ist für mich traditionell mit einem hohen finanziellen Aufwand verbunden und oft ausschließend.

Da haben sie vollkommen Recht, weshalb wir immer wieder Kollektive wie raumlabor berlin, ConstructLab oder Guerilla Architects in den Fokus rücken, die Planung als politischen Akt denken und gestalten. Die Involvierung von Nicht-Fachleuten ist Teil eines solchen Gestaltungsprozesses, weil man andere Interessen und Fragestellungen miteinbaut in einen Bereich, der viel zu sehr von Finanzen, technischen und gesetzgeberischen Aspekten dominiert wird.

Mir scheint es, als wenn Sie auch so etwas wie eine Vermittlerrolle einnehmen, wenn Sie diese Themen und Ansätze versprachlichen?

Ja, es geht darum, die Stimmen – auch jene von ungeübten Schreibenden – so aufzubereiten, dass sie verständlich und wirksam werden und eine gewisse Reichweite bekommen. Auch deswegen investieren wir viel Zeit in die Textarbeit. Wir stehen jedoch vor dem Problem, dass wir eigentlich schon zu groß sind, um für eine Gruppe zu sprechen. Wir wollen sowohl die angestellte Architektin im Büro als auch die Aktivistin im Kollektiv erreichen – das ist eine Herausforderung!

Von diesem vermittelnden Ansatz ist es nur ein kleiner Schritt zu Themen wie Diskriminierung und Rassismus im Architekturfeld, die für mich immer noch eine Leerstelle darstellen.

Das stimmt. Wir arbeiten tatsächlich an einer Ausgabe zum Verhältnis von Gender und Architektur, die Ende des Jahres erscheinen wird. Und zum Thema Rassismus haben wir letztes Jahr eine Ausgabe herausgebracht, die zwar „Europa“ hieß, in der wir uns jedoch mit den Infrastrukturen der EU beschäftigt haben, die den inhärenten Rassismus im Verhältnis zwischen Europa und Afrika über die Kolonialzeit hinaus verlängert haben. Bereits zu Beginn des Diskurses zur europäischen Einigung wurde Afrika stets nur als Ressourcenlieferant für Europa angesehen. Das ging so weit, dass Forscher*innen in der EWG, die Vorvorgänger-Institution der EU, eine ko-koloniale Macht sehen, die es Kolonialmächten wie Frankreich ermöglichten, ihre damals noch bestehenden Territorien mit in den europäischen Kontext zu integrieren und zu legitimieren. Wir haben das Thema Rassismus in einem raumpolitischen Sinne diskutiert. Denn Rassismus drückt sich heute nicht nur dadurch aus, dass Menschen mit anderer Hautfarbe in unserer Stadt diskriminiert werden, sondern er ist infrastrukturell mit den Lieferketten verwoben und bestimmt unsere Wirtschaftsbeziehungen zu anderen Ländern und Kontinenten. Die Politik der Externalisierung, d.h. der Auslagerung der negativen Effekte unserer Wirtschafts- und Lebensweise, gilt es, als Irrweg aufzudecken.

Fließen dabei auch ihre persönlichen Erfahrungen ein?

Sicherlich. Wie ich schon zu Beginn gesagt habe: das Private ist politisch, das betrifft auch diesen Bereich. Ich verbinde damit jedoch explizit keine Identitätspolitik, weil ich darin bestimmte gesellschaftspolitische Probleme sehe. Es geht mir bei der Berücksichtigung anderer Perspektiven grundsätzlich um gesamtgesellschaftliche Veränderungen. Wir können der Verengung des Diskurses auf Partikularinteressen nur entgehen, wenn wir beim Eintreten für die eigenen Rechte oder die anderer eine größere gesellschaftliche Emanzipation im Blick haben. Wenn wir Rechte für andere gesellschaftliche Gruppen ausweiten, genießen wir als Gesellschaft auch mehr Freiheiten. In diesem Sinne verstehen wir auch das Cohabitation-Projekt: Wenn wir anderen (in diesem Fall Tieren und Pflanzen) Rechte zugestehen, heißt das nicht, dass wir uns als Menschen in unseren Rechten beschneiden müssen. Es wird ohne Frage Konflikte geben, weil wir die Ressourcenverteilung neu denken müssen. Doch wir gewinnen dabei andere Freiheiten und Zugänge zur Welt.

Da ist ein Magazin, das eine Vielstimmigkeit produziert und in die Welt bringt, ein probates Mittel!

Ja, das versuchen wir zumindest. 

Teilen