Ferial Nadja Karrasch

Immer wieder Neues zu lernen, die Welt für einen Augenblick mit den Augen einer fremden Person sehen, sich auf die unterschiedlichsten Perspektiven einlassen – das sind nur einige Aspekte, die Ferial Nadja Karrasch an ihrer Tätigkeit als Kunstjournalistin so schätzt. Sie lebt in Berlin und schreibt für verschiedene digitale und analoge Formate über Kunst und Kultur. Studiert hat sie Kunstwissenschaft, Philosophie und Ausstellungspraxis an der Staatlichen Hochschule für Gestaltung Karlsruhe, an der Universiteit van Amsterdam sowie an der Universität der Künste Berlin.

Wilde Konzerte, die Frauenbewegung und Motorradreisen in den Osten-ein Gespräch mit Michael Bucher vom Schwulen Museum über das Werk der Fotografin Petra Gall

24.03.2021
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Wilde Konzerte, die Frauenbewegung und Motorradreisen in den Osten

Dr. Motte bei einem Festivalauftritt in der Hasenheide am 17. Juli 1983, Nina Hagen im Tempodrom am 14. Juni 1985, David Bowie am 31. August 1990 auf der Radrennbahn in Berlin Weißensee, Run-DMC und die Beastie Boys am 15. Mai 1987, ebenfalls im Tempodrom und die 19-jährige Björk als Sängerin der isländischen Band Kukl im Vorprogramm eines Konzerts der Einstürzenden Neubauten im Metropol am 25. Februar 1986.

Die Liste der von Petra Gall fotografierten Künstlerinnen und Künstler ist lang. Die Aufnahmen, die auf der Seite museum-digital:berlin (berlin.museum-digital.de) eingesehen werden können, sind Teil des Nachlasses der Fotografin und „Motorrad-Reise-Journalistin“ Petra Gall (1955-2018), der derzeit im Schwulen Museum Berlin aufgearbeitet und digitalisiert wird. 

Petra Gall, geboren im saarländischen Hüttersdorf, kam 1981 nach ihrem Studium der Geschichte, Politik und Slawistik in Konstanz nach West-Berlin. Hier begann sie bald als autodidaktische Fotografin Fuß zu fassen, gründete gemeinsam mit Heidi Zimmermann die Fotoagentur Zebra und arbeitete unter anderem für taz, zitty und Courage.

Gall begleitete die Berliner Frauen- und Lesbenszene der 1980er und 1990er Jahre, fotografierte in den 1980er Jahren zahlreiche Konzerte und widmete sich ab den 1990er Jahren der Reisefotografie – mit ihrem Motorrad war sie in Ostdeutschland und Osteuropa unterwegs, bis sie das Motorradfahren Anfang 2000 aufgrund einer schweren Erkrankung aufgeben musste. 

Teile ihres Werkes kamen 2012 als Vorlass ins Archiv des Schwulen Museums und wurden seither von mehreren Ehrenamtlichen erfasst. Nach ihrem Tod im Jahr 2018 überführte die Politikwissenschaftlerin Christiane Leidinger weitere Teile der Sammlung ins Schwule Museum. Das Konvolut umfasst nun an die 200.000 Objekte. Derzeit arbeiten dort die Mitarbeiter*innen Anne Krause und Michael Bucher an der Digitalisierung des Konvoluts. 

Ferial Nadja Karrasch: Das Archiv des Schwulen Museums umfasst geschätzte 1.500.000 Archivalien, kontinuierlich kommen weitere Nachlässe verstorbener Personen aus dem Umfeld der LGBITQ*-Community, Bestände aus aufgelösten Archiven, Vereinen und Gruppierungen hinzu. Ein großer Teil der Archivalien ist noch nicht erschlossen – wie kam es, dass nun ausgerechnet Petra Galls Nachlass digitalisiert wird? 

Michael Bucher: Hierfür gibt es mehrere Gründe. Der Nachlass von Petra Gall ist einer der bemerkenswertesten Bestände im Schwulen Museum mit seiner Bandbreite von Bewegungsfotografie, Musikfotografie, Modefotografie bis zur Reise- und Motorradfotografie und Galls beständigem Interesse an Ostdeutschland und Osteuropa. Galls beobachtender Blick produziert in allen diesen Bereichen immer wieder tolle Bilder. Die Entscheidung für die Musikfotografie war auch eine pragmatische, da sie diesen Bereich selber so sorgsam aufbereitet hat. Und dem Zeitraum der 1980er und frühen 1990er Jahre kommt ja mit dem 30-jährigen Wendejubiläum eine erneute Aufmerksamkeit zu. Wir sind davon ausgegangen, dass die Musikfotos auf Interesse stoßen, und das bewahrheitet sich auch. Dann hat die bewusste Entscheidung für Gall aber auch etwas mit der veränderten Ausrichtung des Schwulen Museums zu tun. Die längste Zeit seiner Geschichte war das Archiv des SMU ein Ort, der mit Blick auf die hier vertretenen Personen und Inhalte sehr schwul ausgerichtet war. Das Archiv entstand gleichzeitig mit dem Museum und der Bibliothek, 1984/85 im Kontext der AIDS-Krise, und setzte sich von Anfang an zu einem beträchtlichen Teil aus Nachlässen zusammen. Die Hinterlassenschaften der verstorbenen Männer zu bewahren war ein sehr wichtiges Motiv bei der Gründung des Archivs. In den letzten, sagen wir 15 Jahren, gibt es nun Bestrebungen das Haus zu öffnen und zu diversifizieren. Die Entscheidung, das Werk einer queeren Fotografin zu digitalisieren, muss also in diesem Kontext der Neuausrichtung gesehen werden.

Zum anderen beschäftigen wir uns am Haus schon seit einigen Jahren mit ihrem Werk. Kurz nachdem 2012 große Teile ihres Werkes durch das Bestreben unserer Vorständin Birgit Bosold als Vorlass in unser Archiv übergeben wurden, gab es eine erste Ausstellung einiger ihrer Fotografien im SMU und seither beschäftigen sich immer wieder Ehrenamtliche mit der Erfassung ihres Werkes. Als es nun darum ging, sich beim Forschungs- und Kompetenzzentrum Digitalisierung Berlin (digiS) um Fördergelder für ein erstes großes Digitalisierungsprojekt zu bewerben, stand Petra Galls Nachlass weit oben auf der Liste. 

FNK: Wie setzt sich der Bestand zusammen? Gibt es neben Fotografien auch andere Objekte?

MB: Es sind schon hauptsächlich Fotografien, es gibt aber auch die beiden von ihr veröffentlichten Lesbenkalender aus den Jahren 1982 und 1983, die ATROPiN-frauen-foto-zeitung, in deren Redaktionsteam sie war sowie zahlreiche Zeitungsausschnitte und Reisepublikationen, zum Beispiel einen Motorradreiseführer für Ostdeutschland. Den größten Teil ihres Nachlasses nimmt die Reisefotografie ein, aber auch die Musikfotografie ist sehr umfassend. Petra Gall hat nach ihrer Ankunft in West-Berlin Anfang der 1980er Jahre für ca. 10 Jahre intensiv Konzerte in Berlin fotografiert. Die von uns erfassten Objekte machen erkennbar, dass die Beschäftigung mit der Musikfotografie so um 1993/94 nachlässt, ab dann dominiert die Reisefotografie. Das hat zum einen mit der Wende zu tun: Sie war zwar auch schon vorher in Russland und in der Sowjetunion unterwegs, aber nach der Wende intensiviert sich das. Zum anderen hängt diese Verschiebung ihres Interesses auch mit einer technischen Erneuerung zusammen, denn Anfang der 1990er Jahre kam das erste Motorrad auf den Markt, das sie „gut“ fahren konnte; sie war eine eher kleine Person und ab ca. 1991 gab es ein Modell, das für ihre Größe geeignet war. Das hat sie sehr stark genutzt. Mein Eindruck ist, dass sie ab diesem Zeitpunkt weniger in Berlin war, sondern viel mit ihrem Motorrad unterwegs war. Es gibt aus dieser Zeit zahlreiche Fotografien aus fast allen ehemaligen Sowjetrepubliken, aus Ostdeutschland, Osteuropa, aber auch aus Südafrika und Bali. 

FNK: Derzeit sind über die Homepage museum-digital:berlin ausschließlich Beispiele ihrer Musikfotografie digital einsehbar. Wie kam es zu dieser Fokussierung? 

MB: Das kommt daher, dass digiS, unsere Geldgeberin, Projekte mit Berlin-Bezug fördert. Außerdem ist die Musikfotografie jener Bereich ihrer Arbeit, den sie selbst am gründlichsten sortiert hat. Das sind sechs Ordner, alphabetisch nach Bands sortiert. Die Negative beschriftete sie mit dem jeweiligen Datum des Konzerts und dem Namen der Band. Durch diese Vorarbeit lässt sich dieser Bestand natürlich relativ einfach bearbeiten. Trotzdem fiel noch einiges an Arbeit an: Die Konzertorte vermerkte sie selten, die mussten wir recherchieren. Sehr hilfreich war uns dabei die Internetseite www.rockinberlin.de, dem Berliner Rockwiki, dessen Ziel es ist, die jüngere Konzertgeschichte der Stadt zu erfassen. 

Das nächste Projekt ist die Digitalisierung ihrer Bewegungsfotografie, sie hat ja die Berliner Frauen- und Lesbenszene der 1980er und 1990er Jahre begleitet. Das wird für das Haus natürlich eine wichtige und spannende Arbeit. Da dieser Bereich ihres Werkes weniger sortiert ist, wird hier eine stärkere Unterstützung durch Zeitzeug*innen nötig sein, um die abgebildeten Personen und Orte zu identifizieren. Die Arbeit an diesem Teilbestand wird auch wegen der Persönlichkeitsrechte der Abgebildeten aufwendiger sein. Bei der Musikfotografie ist das einfacher, weil es öffentliche Ereignisse sind und solang keine Kinder abgebildet sind, können diese Bilder problemlos online gestellt werden. Das gleiche gilt auch für Demonstrationen, aber Petra Gall hat im Rahmen ihrer Bewegungsfotografie ja auch andere Ereignisse und Zusammenkünfte dokumentiert, zum Beispiel Partys oder Gruppentreffen. Hier muss man sich um die Rechte kümmern, was natürlich ziemlich aufwendig ist.

Eigentlich wollten wir dieses Jahr mit der Erschließung ihrer Bewegungsfotografie beginnen, aber der Antrag, den wir hierfür gestellt hatten, ist leider nicht durchgegangen. Es ist jetzt also erstmal unklar, wann wir beginnen können. 

FNK: Petra Galls Bilder sind ja nicht nur für Punk- und New-Wave-Fans interessant – sie fotografierte unter vielen anderen Skid Row, Depeche Mode, Doro Pesch, Run DMC, Nick Cave and the Bad Seeds – sondern auch in Hinblick auf die Geschichte der Berliner Clubkultur. Die meisten Veranstaltungsorte, die auf den momentan digital zugänglichen Konzertfotografien zu sehen sind, befinden sich in West-Berlin; sehr präsent sind beispielsweise das Loft und das Metropol am Nollendorfplatz oder das Ecstasy in der Hauptstraße 30 in Schöneberg. Ein paar Mal taucht auch das NOX auf, das sich in der Bachstraße in Tiergarten befand sowie das Quartier Latin, einem der populärsten Konzertorte West-Berlins, der in der Potsdamer Straße 96 zuhause war. Petra Gall war ja aber bereits vor der Wende viel in Ost-Berlin unterwegs. Konntet ihr Orte in Ost-Berlin identifizieren?

MB: Ja, ihre Fotografien zeigen wirklich ein starkes Interesse an Osteuropa und der DDR im Allgemeinen und an Ost-Berlin im Speziellen. Es gibt zum Beispiel diese Fotoserie mit der Band Silly, die vor dem Mauerfall entstand. Da war sie für einen Tag und einen Abend mit Silly in Ost-Berlin, sie sind um die Häuser gezogen, von Bar zu Bar, das ist sehr schön zu sehen. Außerdem fotografierte sie Musikereignisse, die unmittelbar nach dem Mauerfall stattfanden. Zum Beispiel die Serie, die am 21. Dezember 1989 bei zwei Konzerten der Einstürzenden Neubauten im Kulturhaus des VEB Elektrokohle in der Herzbergstraße in Lichtenberg entstand. Und im März 1990 war sie bei einem Heavy-Metal-Festival in der Werner-Seelenbinder-Halle in Prenzlauer Berg, das war das erste große Heavy-Metal-Ereignis in der DDR. Mainact war hier die Thrash-Metal-Band Kreator. Für Heavy Metal gibt es einen eigenen Ordner, sie hatte ein ausgeprägtes Interesse für die Biker- und Rocker-Kultur.

FNK: Ich komme noch einmal auf die Bewegungsfotografie zurück. Die Lesbenszene, die sich in den 1980er Jahren in der DDR formierte und der jahrzehntelangen Unsichtbarkeit lesbischen Lebens ein Ende setzen wollte, pflegte Kontakte auch in die westdeutsche Lesbenszene. Konntet ihr anhand des bereits gesichteten Materials feststellen, ob Petra Gall auch Kontakte zur lesbischen Szene in Ost-Berlin oder der restlichen DDR hatte?
MB: Ja, sie hat die Frauenszene in Ost-Berlin fotografiert, es muss also Kontakte gegeben haben. Die konkreten persönlichen Verbindungen haben wir aber noch nicht recherchiert. 

FNK: Ist derzeit ein Projekt mit Petra Galls Nachlass geplant?

MB: Es ist ein Ausstellungsvorhaben angedacht, das sich mit dem Berlin der 1980er Jahre und der schwulen-lesbischen-queeren Bewegung beschäftigt. Neben Petra Galls Arbeiten würden hier beispielsweise auch Fotografien von Jürgen Baldiga (1959-1993) gezeigt werden. Baldiga war der wichtigste Chronist der HIV-Krise in Berlin. Um seinen Nachlass zu digitalisieren, haben wir kürzlich auch einen Antrag auf Fördergelder gestellt, der hoffentlich durchgeht. 

Wir haben in unserem Archiv so viele Bestände, die noch nicht oder nur teilweise erschlossen sind. Da unten schlummern unglaublich viele wichtige Zeugnisse der Gegenwart und der jüngeren Vergangenheit. Es ist toll, dass wir durch die Förderung der digiS Teile von Petra Galls Werk zugänglich machen konnten, aber wir hoffen natürlich sehr, dass wir auch die noch nicht bearbeiteten Teilbestände bald angehen können.  

Petra Gall Digitales Archiv
berlin.museum-digital.de

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