Anna-Lena Wenzel

Dr. Anna-Lena Wenzel* ist Autorin und Künstlerin. Nach ihrem Studium der Angewandten Kulturwissenschaften in Lüneburg promovierte sie über „Grenzüberschreitungen in der Gegenwartskunst“. Sie betreibt das Online-Magazin 99 % Urban und den Radiosalon für Alltägliches und ist in unterschiedlichen kollektiven Zusammenhängen unterwegs.

Den Blick konsequent gen Osten gerichtet

07.12.2021
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Galerie Koal
Außenansicht des Kunstvereins mit gesonderter Ausstellung im Schaufenster, Fotograf: Bernd Borchardt, Courtesy: KVOST Berlin
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Keramiken von Karl Jüttner, Gerhard Dölz und Gerda Körting (vlnr) Fotograf: Julian Hemelberg, courtesy: KVOST, Berlin
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Eine Postkarte der IGA in Erfurt 1961 in der Ausstellung verweist darauf, dass Gerhard Dölz auch Arbeiten im öffentlichen Raum realisiert hat, courtesy: KVOST, Berlin

Der Kunstverein Ost in der Leipziger Straße hat sich in seinem Programm auf Künstler*innen spezialisiert, die aus Osteuropa stammen, und zeigt in seiner aktuellen Ausstellung Keramiken der Saalfelder Gruppe aus den 1970er Jahren.

Nicht nur, dass das Schaufenster des Kunstvereins Ost nach Osten weist, auch die Programmatik des Vereins „widmet sich der Förderung von Künstler*innen, die aus Osteuropa stammen oder deren Lebensweg und Arbeitsweise von der Erfahrung des ehemaligen Ostblocks geprägt wurden“, wie es auf der Website heißt. Das Ergebnis ist ein vielschichtiges Programm mit zeitgenössischen Künstler*innen und in Vergessenheit geratenen Künstler*innen der DDR sowie einer App, die sich baubezogener Kunst/ Kunst im öffentlichen Raum widmet. Aktuell gibt es eine Präsentation früher Keramiken der DDR. Es handelt sich um Arbeiten der sogenannten Saalfelder Gruppe, wobei die meisten Stücke von Gerhard Dölz (1926 bis 2007) stammen. Zusammen mit Gerda Körting (1911 bis 2000) und Karl Jüttner (1921 bis 2006) hat er in den 1960er-Jahren in Saalfeld in Thüringen eine Künstlergruppe gebildet. Dölz hatte um 1956 eine Keramikausbildung bei Gerda Körting begonnen, die in einer Ateliergemeinschaft der beiden mündete und durch Karl Jüttner ergänzt wurde. Edouard Compere weist in seinem Ausstellungstext daraufhin, dass „sie ab den 1960er-Jahren dazu bei[trugen], dass aus der handwerklichen Tradition der Gebrauchskeramik der gebrannte, glasierte Ton zu einem Medium für bildnerische, plastische, künstlerische Ideen wurde.“ Schaut man sich die Keramiken genauer an, die entlang der Wände auf Regalen und einem Tisch in der Mitte des Raumes präsentiert werden, versteht man auch warum. Noch mal Compere: „Auf den Oberflächen dieser vermeintlich alltäglichen Gegenstände entstehen abstrakte Landschaften, organische Strukturen und Texturen, zarte Farbverläufe oder rhythmische Muster, die alle unsere Aufmerksamkeit fesseln und eine Begegnung mit dem Objekt anregen.“ Tatsächlich würde man die Objekte gerne anfassen, um die Materialität besser zu spüren und nachzuvollziehen, wie sie bearbeitet wurden. Häufig dient Schamotteton als Ausgangsmaterial, der geritzt und glasiert wurde. Die Muster sind sowohl abstrakt (und erinnern zuweilen an Formsteine) als auch figurativ, wenn ein Schmetterling oder ein Fisch angedeutet wird. „Dieses Vorgehen wäre in der Malerei bis in den 1980er-Jahren wegen der in der DDR immer wieder neu verhandelten Anforderungen an die bildende Kunst nicht ohne weiteres möglich gewesen“, kommentiert Compere die Spezifik dieser Keramikkunst in der DDR. Die schiere Menge der ausgestellten Keramiken erlaubt es, den Blick auf diese Spezifik zu schärfen, Ähnlichkeiten und Differenzen der drei Positionen auszumachen.

Ausstellungsansicht, Fotograf: Bernd Borchardt Courtesy: KVOST Berlin

Heute sind die drei Künstler*innen kaum mehr bekannt, nur wenige Institutionen wie die Studio Galerie Berlin in der Frankfurter Allee vertreiben ihren Nachlass (und fungieren hier als Leihgeber). Um eine Ausstellung wie diese vorzubereiten, ist also viel Recherchearbeit nötig. Zum Beispiel gibt es keine genauen Angaben dazu, wann die einzelnen Objekte entstanden sind oder welche Materialien verwendet wurden. Diese Lücken in Bezug auf DDR-Künstler*innen sind kein Einzelfall. Da viele nach der Wende einen Karriereknick erlebten und sich die vorhandenen Strukturen wie der Staatliche Kunsthandel oder die subkulturellen Zusammenhänge auflösten, gab es weder Ausstellungen, Ankäufe durch Museen noch wissenschaftliche Forschungen. Viele Arbeiten, die als baubezogene Kunst für Innenräume oder als Fassadengestaltung entstanden, sind heute verschwunden, sei es weil die Gebäude abgerissen oder saniert wurden.[1] Die dadurch entstandenen Lücken sind nur schwer zu füllen, auch weil viele Künstler*innen nicht mehr leben – so wie die Künstler*innen der Saalfelder Gruppe.

Stephan Koal, Leiter des Kunstvereins, möchte dem Vergessen etwas entgegensetzen und hat daher 2018 den KVOst gegründet. Er ist selber in der DDR geboren, hat Fotografie studiert, einige Jahre für C/O in Berlin gearbeitet, eine Galerie geführt und dann beschlossen, einen Kunstverein zu gründen. Hier kann er seine vielseitigen Erfahrungen und Kontakte im Kunstfeld, seine Netzwerkfähigkeiten und seine Neugier einbringen und zusammenführen. Das Ergebnis ist ein Verein, der sich zunächst vor allem über Spenden finanzierte und ab nächstes Jahr durch eine Basisförderung des Senats unterstützt wird; ein Kunstraum, der in Kooperationen mit der Kunsthalle Rostock eine Ausstellung über den Palast der Republik gemacht hat und bei dem zur Eröffnung von Jürgen Wittdorf (einer schwulen DDR-Legende) Klaus Lederer eine Rede hielt.

Ein gutes Beispiel für die umfangreichen Recherchen, die zur Arbeit des Kunstvereins gehören, ist das empfehlenswerte Projekt Da seid ihr ja! Dabei handelt es sich um eine Tour zu Plastiken und baugebundener Kunst vom Alexanderplatz über die Leipziger Straße bis zum Platz des Volksaufstandes, die Teil der berlinhistory.app ist. Auch hier zeichnet sich Edouard Compere für die Texte verantwortlich. Zusammen mit Martin Maleschka (bekannt geworden durch sein Buch Baubezogene Kunst. DDR: Kunst im öffentlichen Raum 1950 bis 1990) hat er Informationen zu markanten Kunstwerken wie dem Fries von Willi Neubert am Pressecafé am Alexanderplatz oder dem Mosaik mit Taube von Ortraud Lerch in der Leipziger Straße zusammengetragen. Mithilfe der Tour wird der Blick aber auch auf architektonische Elemente wie Formsteine, Strukturplatten oder Giebel gelenkt, die man schnell übersieht.

Apropos Sehen: Der Kunstverein hat sein Schaufenster durch eine Wand vom Ausstellungsraum abgetrennt und so zusätzliche Präsentationsfläche geschaffen, um von hier aus, auch außerhalb der Öffnungszeiten, Kunst zu zeigen – aus dem Osten in Richtung Osten. Ab dem 8. Dezember sind junge Künstler*innen aus Rumänien zu Gast und ergänzen die sehenswerte Keramik Ausstellung der Saalfelder Gruppe.

[1] In der Ausstellung wird in Form einer historischen Postkarte, auf der eine Stele abgebildet sind, die Dölz für die Internationale Gartenbauausstellung in Erfurt 1975 geschaffen hat, darauf verwiesen, dass die drei Künstler*innen neben Keramik auch architekturbezogene Arbeiten im öffentlichen Raum gestalteten. In einem Text zu einer Ausstellung im Jahr 1986 schreibt Maria Kühl über Dölz: „Im gesellschaftlichen Auftrag sind zahlreiche architekturbezogene großflächige Wandgestaltungen entstanden, so für den Speiseraum der Schottwerke in Schleiz farbig glasierte Reliefs, für die Gaststätte ‚Völkerfreundschaft‘ in Arnstadt Städtesymbole mit farbintensiven Emailglasuren oder für das Kulturhaus in Jena eine dekorative plastische Plattenvariation.“ In: Gerhard Dölz: Gartenplastik und Pflanzgefässe, Staatlicher Kunsthandel der DDR/ Studio-Galerie, 1986.

Infos:
Gerhard Dölz und die Saalfelder Gruppe. Frühe Keramiken der DDR.
18.11. – 22.12.2021

KVOST
Leipziger Straße 47 / Jerusalemer Straße
10117 Berlin
Öffnungszeiten: Mittwoch – Samstag. 14 – 18 Uhr

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